Preisträgerin Hannelore Mann

Potsdamer Ehrenamtspreis 2013 in der Kategorie:

Ehrenamtspreis für Generationen verbindende Arbeiten

Laudatio von Carsten Hagenau, Geschäftsführer der PROJEKTKOMMUNIKATION Hagenau GmbH und Sprecher des Arbeitskreis Stadtspuren

Oberbürgermeister Jann Jakobs, Hannelore Mann, Carsten Hagenau

Sehr geehrte Damen und Herren,

es scheint mir manchmal, als gäbe es irgendwo in uns ein Programm-Chip, der uns laufen und am Leben lässt. Und so lange der arbeitet, ist alles gut und richtig, ist die Haut in Ordnung, sind die Knochen stabil, das Haar wird zwar weniger und grau, aber es wächst doch noch…

Und irgendwann kommen wir an einen Punkt, da in diesem Chip die eine Information in die andere übergeht, oder ein Code vervollständigt wird oder auch ein Speicher überläuft … Und indem wir diesen Punkt überschreiten, beginnen wir unseren letzten Gang. Je nach dem, wie es sich gefügt hat, wird dieser Gang länger oder kürzer sein.

Der Volksmund sagt lieber kurz und schmerzlos als ein langes Enden mit Schrecken, aber das Leben hat seine eigene Logik.
Hat sich das Schicksal für einen langen letzten Gang entschieden, dann beginnt er meist lautlos und unbemerkt. Am Anfang lachen wir noch über die eigene Vergesslichkeit, mit der das Versinken in eine andere Wirklichkeit beginnt. Dann machen wir so Sachen: Versuchen vielleicht aus den Lieblings-Leder-Handschuhen der Gattin ein Ragout zu kochen. Wir driften ab und schwimmen hinaus in das tiefe, helle Wasser, wo es einfach ist, das Oben und Unten, das Links und Rechts auszumachen, weil alles so wunderbar harmonisch ist. Wir schwimmen hinaus in das tiefe Wasser, wo uns die Unseren abhanden kommen und wir ihnen… Aber ach, Hoffnung, wir werden ja gehalten:

Hände, die bei uns sind, die uns stützen, uns streicheln, uns Signale geben: Alles wird gut. Heut` ist ein wunderschöner Tag.

Hände, die uns füttern, uns das Wasser reichen, die uns zudecken und die Decke glatt streichen.

Hände, die wir schon lange kennen und die uns dann doch jeden Tag neu sind. Die, die da mit ihren Händen halten, sind die pflegenden Angehörigen. Sie tun,was in ihrer Kraft steht: Stützen, Streicheln, Signal geben, Zudecken, Wasserreichen, Decke glatt streichen, ja-ich-komm-ja-schon, hier deine Brote, hier das Wasser, heut-ist-ein-wunderschöner-Tag, Stützen, Streicheln, und ja doch: Die-Sonne-lacht-uns-so-hell….Sie tun, was in ihrer Kraft steht, aber auch die ist endlich.

Ihr Programm-Chip gerät durcheinander und läuft langsam heiß, denn in ihrem Programm war nicht vorgesehen, dass sie den Vater, die Mutter noch einmal zu sich nehmen oder den eigenen Partner so lange auf dessen letzten Gang begleiten.

Die sechzigjährige Maria erzählt: „Seit drei Jahren pflege ich meinen Vater. Langsam geht mir die Puste aus. Besonders schlimm ist es, wenn mein Vater mich nicht mehr erkennt. Dankbarkeit spüre ich kaum.

Und die achtundfünfzigjährige Brigitte erzählt: „Ich betreue meine Mutter rund um die Uhr. Dadurch komme ich zu nichts: Allmählich werde ich immer einsamer.“

Peter, 65 Jahre, erzählt über seine Mutter: „Manchmal wünsche ich mir, sie wäre einfach tot. Ich fühle mich schlecht, wenn ich das sage. Aber meine Frau und ich sind durch die lange Pflege meiner Mutter wirklich am Ende. Ich weiß nicht, wie es weitergehen soll.“

Die, die mit ihren Händen ihre Lieben stützen und geleiten, brauchen selbst Stützen. Sie brauchen das Gespräch, die praktische Hilfe, den Gedankenaustausch. Sie brauchen die eine Hand, die sie hält, damit sie mit den eigenen zwei Händen ihre Lieben halten können.

Wir wollen eine Frau ehren, die seit mehr als sieben Jahren pflegenden Angehörigen beisteht, eine Ehrenamtliche, die jenen ihre Hand reicht, die sich selbst oder mit ihren Angehörigen auf den letzten Weg gemacht haben, eine Aktivistin, die unermüdlich andere gewinnt, es ihr gleich zu tun,eine Lehrerin, die anderen beibringt, wie man beistehen kann.

Wir wollen eine Frau ehren, die so viel Wärme und so viel Kraft in sich trägt, dass sie davon dutzenden, ja hunderten Menschen abgegeben hat, so viel, dass es zum Leben, zum Überleben reichte.

Der Potsdamer Ehrenamtspreis 2013 in der Kategorie „Generationen verbindende Arbeiten“
geht an Hannelore Mann, die ich nun nach vorn bitte.