OB-Kolumne der Woche: Eine Stadt selbstbewusster Bürger

Liebe Potsdamer,

von einigen sehnsüchtig erwartet, melde ich mich nach zwei Wochen Urlaub nun wieder mit der Kolumne der Woche zurück. Thema ist das für die Landeshauptstadt so wichtige Ehrenamt.

Am Dienstag werden wir zum 10. Male den Potsdamer Ehrenamtspreis verleihen. Nachdem wir im Mai den Preis ausgeschrieben hatten, wurden bis zum Beginn der Ferien 81 Vorschläge und Bewerbungen eingereicht. Sie betrafen ganze Hausgemeinschaften, Vereine, Mannschaften, Initiativen und natürlich viele Einzelpersonen.

Sie glauben mir sicher, dass ich in unserer Stadt viel herumkomme und sie daher ganz gut kenne. Und trotzdem entdecke ich jedes Jahr Neues, wenn es um den Ehrenamtspreis geht. Jedes Jahr staunen alle Beteiligten immer wieder über die Vielfalt der ehrenamtlichen Aktivitäten der Potsdamerinnen und Potsdamer. Da begleiten Menschen ihre Mitmenschen in Trauerfällen, da legen Senioren öffentliche Gärten an und bringen anderen das Gärtnern bei, da unterhalten Berufstätige in ihrer Freizeit kranke Menschen, da bringen Ehrenamtlerinnen und Ehrenamtler klassische Musik in die Seniorenheime, Nachbarn organisieren füreinander Hoffeste oder Kiezcafés, bringen sich gegenseitig das Kochen, das Nähen oder allerlei Computerprogramme bei.

Diese Aufzählung könnte ich seitenfüllend fortsetzen. Und obwohl ich nur einen kleinen Ausschnitt des ehrenamtlichen Potsdams geschildert habe, so zeigt die Aufzählung: Es geht beim ehrenamtlichen Engagement nicht nur um Hilfe und Beistand in Notlagen. Das ist ein wichtiger, unverzichtbarer Teil davon. Aber beim Ehrenamt geht es um mehr: Es geht um unseren Alltag, zudem auch Notlagen und Trauer gehören, aber vor allem auch Zuversicht und Frohsinn. Es geht beim Ehrenamt um Lebensfreude und darüber hinaus um Gemeinschaft, die man sich selber sucht und schafft. Und um Heimat, die man in dieser Gemeinschaft findet.
Ehrenamt ist eine selbstbestimmte Angelegenheit. Niemand kann einen Mitmenschen zwingen, ein Ehrenamt zu übernehmen. Jeder, der eins übernimmt und ausübt, hat sich selbst und ohne Druck von außen dazu entschlossen. Daher ist die ehrenamtliche Tätigkeit in meinen Augen auch ein Akt der Selbstbehauptung und der Selbstbestimmung.

Im Umkehrschluss heißt das: Eine Stadt, die eine solche Vielfalt an Ehrenämtern hat, hat eine selbstbewusste Bürgerschaft: Eine Bürgerschaft, die selbstbewusst die Entwicklung ihres Quartiers und ihrer Nachbarschaften in die Hand nimmt. Eine Bürgerschaft, die sich selbst Orte und Gelegenheiten des Austauschs und der Begegnung schafft. Eine Bürgerschaft, die selbstbewusst Initiativen, Vereine, Gruppen und Vertretungen organisiert, wo immer sie meint, dass sie aktiv werden müsse.

Ich gebe zu: Eine derart selbstbewusst auftretende Bürgerschaft macht meine tägliche Arbeit als Oberbürgermeisters mitunter aufregend. Vor allem aber macht sie mich stolz auf meine Stadt und ihre Bürgerinnen und Bürger.

Ihr Jann Jakobs