Anerkennung für Start with a Friend

Anerkennung beim Potsdamer Ehrenamtspreis 2017 in der Kategorie:

Für das Wirken gegen Hass und für Toleranz

Laudatio von Karin Juhàsz, Mitarbeiterin der Landeshauptstadt Potsdam

Das Projekt „Start with a Friend“ erhält eine Anerkennung für das Wirken gegen Hass und für Toleranz. Foto: Stefan Gloede

Denk‘ ich an Potsdam… Ja, was fällt mir bei Potsdam, meiner Heimatstadt ein? Ein Satz meines Sohnes: „Wir wohnen da, wo andere hinfahren, um Urlaub zu machen.“ Da hat er Recht!

In eine wunderschöne Landschaft eingebettet liegt Potsdam, die Stadt der Parks, Schlösser und Gärten, Sanssouci, Freundschaftsinsel – paradiesische Stadträume, das ist die eine Seite der Medaille. Und die andere? Die Stadt tut sich schwer, ist so gar nicht tolerant mit ihrer gebauten Vergangenheit. Es wird glorifiziert und verdammt und es wird verändert. Ist das noch meine Stadt? Hier war ich Kind, habe meine Jugendjahre verlebt, bin erwachsen geworden. Diese Stadt, von mir gleichermaßen geliebt, gehasst, versöhnt und wieder genervt, machte es mir auch früher nicht leicht oder war es umgekehrt? Irgendwann beschloss ich zu gehen. 1000 Kilometer in den Süden, weg vom preußischen rechten Winkel und dem „besonderen“ Menschenschlag. Mein Schwur, dass mich kein Heimweh erfassen wird, brach bereits nach 4 Wochen…und ich dachte an Potsdam.

Schon eine Weile aus dem Magyarenland zurück, es war das Jahr 1989. Vermutlich für jeden deutschen Menschen ein besonderes Jahr. Das „Deutsch-Demokratische“ konnte ich wieder kaum ertragen, Enge, Dogmatismus und Intoleranz regierten, ließen weder Individualität noch freie Meinungsäußerungen zu. Und die Menschen? Die nicht Systemkonformen waren, wenn nicht schon drin, auf der Suche nach den Nischen. Andere kamen aus dem Ungarnurlaub nicht mehr zurück. Aber am 4. November kamen tausende Potsdamer zur Protestkundgebung auf den Luisenplatz. Unser Mut war größer als die Furcht, denn – wir waren ja viele. An den darauffolgenden Samstagen zogen wir friedlich protestierend durch die Innenstadt. Mit der schrumpfenden Angst wuchs der Optimismus, wie das stärker werdende Gefühl, es muss sich etwas ändern!

Und da fällt mir noch ein ganz wichtiger Begriff im Zusammenhang mit Potsdam ein: Toleranz. Ein Schwenk in die Geschichte: Im Jahr 1685 unterzeichnete der Kurfürst das „Edikt von Potsdam“, das den aus Frankreich vertriebenen Hugenotten die Aufnahme in der Mark Brandenburg zusicherte. Offensichtlich als erste Amtshandlung wurden Schweizer Kolonisten angesiedelt. Den ersten nachweisbaren Potsdamer Schutzbrief erhielt 1691 ein Jude. 1732 kamen 800 abgeschobene Salzburger in die Stadt. 1737 begann der Bau des Holländischen Viertels für niederländische Übersiedler. 1751 wohnten 60 böhmische Familien in Nowawes, denen weitere folgten. Übrigens lebten in diesem Jahr knapp 14.000 Menschen in Potsdam.

Viele Jahre – genau 323 – mehrere Kriege und politische Systeme später, hat sich die Potsdamer Bewohnerschaft mehr als verzehnfacht. Seit 2008 gibt es ein neues Toleranzedikt, im Gegensatz zum historischen ist dieses das Ergebnis eines offenen und breiten Stadtgesprächs. Einige Prinzipien will ich hier nennen:

  • Respekt, Akzeptanz, Offenheit,
  • neue Wege wagen,
  • Integration schaffen,
  • aufeinander zugehen,
  • miteinander ins Gespräch kommen,
  • zuhören können,
  • Unterschiede als Bereicherung erfahren,
  • Fremdenfeindlichkeit und politischen Extremismus nicht dulden.

2015 kommen 1.400 Flüchtlinge und 2016 – 1.122 in die Landeshauptstadt, jetzt mit einer Bewohnerschaft von knapp 172.000 Potsdamern. Es gibt gelebte Toleranz und große Hilfsbereitschaft, viele Menschen engagieren sich, aber es gibt auch die anderen. Ich denk‘ an Potsdam…
…und weiß, dass es in der Stadt ein eindrucksvolles Bündnis gibt. Es ist originell, laut und bunt – eben „Potsdam bekennt Farbe“. Ich bin so froh, dabei so viele junge und auch ältere Menschen zu treffen, die ihre Meinung vertreten, entsprechend handeln und damit das neue Toleranzedikt wirklich leben.

Und dann ich denk‘ an die Stadt…
…vor allem an das Jahr 1989, an den Mut und den Optimismus der Potsdamer. Ich denke daran, wie wichtig es war und ist, sich politisch klar zu positionieren und wie selbstverständlich es heute ist, dies auch öffentlich – ohne Angst tun zu können. Dass es so ein Bündnis wie „Potsdam bekennt Farbe“ gibt, ist eine beruhigende Tatsache. Dass in dieser Stadt braunes Gedankengut keine Chance hat und „bunt“ nicht nur viele Farben sind, sondern ein eindeutiges politisches Bekenntnis, gibt mir Sicherheit. Und dann bin ich zumindest hinsichtlich dieser Tatsache mit der Stadt versöhnt.

Dann ist Potsdam wieder meine Stadt! Und das weiß ich…