„Unsere jungen Leute gehen für unsere Zukunft auf die Straße“


OB Mike Schubert (l.) und Jörn-Michael Westphal, Geschäftsführer der ProPotsdam GmbH und der
Stadtwerke Potsdam GmbH, mit den jungen Preisträgern von Fridays for Future.
Foto: Stefan Gloede

Der Ehrenamtspreis für den Erhalt und Schutz von Umwelt und Natur ging in diesem Jahr an Fridays for Future Potsdam.

Auch in Potsdam hat es die Bewegung „Fridays for Future“ in den vergangenen Monaten geschafft, zahlreichen Potsdamer Jugendlichen, die bisher eher unpolitisch waren, die Dramatik des aktuellen Klimanotstands vor Augen zu führen. Es gelte jetzt die Stimme zu erheben.

Das Anliegen der Schülerinnen und Schüler ist ambitioniert: Sie wollen die Politik und das Handeln aller beteiligten verändern, um den lebens- und liebenswerten Charakter der Stadt zu erhalten. Die Botschaft kommt an: OB Mike Schubert traf sich bereits mit einer Delegation von Fridays for Future im Rathaus.

„Wir haben an die 70 Aktive“, sagte eine von ihnen bei der Preisverleihung. „Etwa 20 von ihnen hängen sich jeden Tag rein.“ Bei den Freitagsdemonstrationen bringen die Organisatorinnen und Organisatoren derzeit an die 700 Menschen auf die Straße, der Rekord lag bisher bei 1.800 Teilnehmerinnen und Teilnehmern. „Wir hatten leider gerade unser halbjährliches Jubiläum“, so ein anderer Aktivist. „Wir werden nicht nachlassen, bis wir es schaffen, bei Politik und Unternehmen Gehör zu finden.“

ProPotsdam- und Stadtweke-Geschäftsführer Jörn-Michael Westphal bei seiner Laudatio. Foto: Stefan Gloede

Die Laudatio hielt Jörn-Michael Westphal, Geschäftsführer der ProPotsdam GmbH und der Stadtwerke Potsdam GmbH. Wir dokumentieren seine Rede an dieser Stelle.

„Meine sehr verehrten Damen und Herren,

heute ist Donnerstag, abends und ich hoffe, Sie sind hier und heute glücklich und werden es auch lange bleiben.
Eine Möglichkeit, dies zu erreichen, zeigte der chinesische Philosoph Konfuzius auf:
Wer ständig glücklich sein möchte, muss sich oft verändern.

Morgen ist wieder Freitag.
Für viele Menschen beginnt das Wochenende. Nach fünf Tagen in der Arbeitswelt verbringen viele Mütter und Väter das Wochenende mit Ihren Kindern in der Familienwelt. Ein wichtiger Teil des Lebens. Für viele Menschen das Wichtigste im Leben: Glückliche Kinder.

Am Samstag.
Erlebnis und Konsum ist angesagt. Die Läden sind zum Shoppen für Produkte aus der globalisierten Welt geöffnet. Das Shoppingerlebnis ergänzt das Internetshoppen – und die Lieferungen zur Haustür sind demnächst noch schneller mit der Liefer-Drohne. Ein durchschnittlicher Haushalt ist laut statistischem Bundesamt heute mit mehr als 10.000 Artikeln ausgestattet. Werbung ist dann richtig erfolgreich, wenn sie weitere Bedürfnisse wecken und die Konsumlust steigern kann.

Am Sonntag.
Erlebnis und Erholung stehen an. Die meisten Freizeitangebote sind energieintensiv: Computerspiele, Ultra-HD-TV, Freizeitparks – Wochenend-Trips sind auch über weite Strecken mit dem Flugzeug möglich.

Am Abend gibt es – wie an anderen Wochentagen auch – politische Diskussionen im Fernsehen und zeigen streitende Politiker, die im TV versuchen für komplexe Probleme, verständliche Antworten oder einfache Lösungen zu formulieren. Die Medien, die Redaktionen und Moderatoren fragen kritisch nach und die Politik wirkt in ihren unterschiedlichen Lösungsansätzen in diesen Formaten uneins – dies erzeugt oder verstärkt den Eindruck des Nicht-Handelns, des Stillstands.

Am Montag …
beginnt die nächste Arbeitswoche. Die Mütter und Väter wechseln wieder von der Familienwelt in die Arbeitswelt.
Die Unternehmensziele erzeugen Arbeitsaufgaben und Leistungserwartungen, viele davon sind auf kurzfristige Ergebnisse ausgerichtet. Es ist die Aufgabe der Betriebswirtschaft die Produktionsfaktoren effizient einzusetzen, dazu gehört auch ein sparsamer Umgang mit den Ressourcen. Unternehmen können sehr unterschiedlich sein: einige setzen auf ethische Unternehmensführung und Nachhaltigkeit und entwickeln ökologisch wertvolle Innovationen, andere Unternehmen verdienen an umweltschädigenden Produkten und Dienstleistungen.

Prof. Edenhofer vom PIK sagte mir mal: „Die Wirtschaft ist kein monolithischer Block.“ Es gibt Geldanlagen mit ethischen Prinzipien aber auch Fondsverwalter, die das Vermögen – auch von Müttern und Vätern – aus privat anzusparenden Renten verwalten und bezüglich Ihres Erfolgs von ihren Anlegern lediglich an einer hohen Rendite der Geldanlagen gemessen werden.
Viele der Investmentbanker, Fondsverwalter, Unternehmensleiter, Mitarbeiter in den öffentlichen Aufsichtsbehörden, Politiker, Konsumenten und Privatanleger, die ihre täglichen Entscheidungen in unserem Gesellschafts- und Wirtschaftssystem treffen, haben Kinder und wollen, dass ihre Kinder glücklich sind. Dafür zu sorgen ist die Aufgabe einer generationsgerechten Gesellschaft, in der viele Zielkonflikte gelöst werden müssen. „Der Staat schützt auch in Verantwortung für die künftigen Generationen die natürlichen Lebensgrundlagen“ steht in Artikel 20a im Grundgesetz und ist somit ein Auftrag für alle Politiker.

Auch Unternehmen dienen der Gesellschaft. Das sind die Grundzüge unseres sehr komplexen Gesellschafts- und Wirtschaftssystems.

Was ist Generationengerechtigkeit? Hierzu verfolgte ich 2007 ein Gespräch zwischen den Politikern Egon Bahr und dem damaligen Umweltminister Sigmar Gabriel in der Gethsemanekirche in Berlin. Egon Bahr sagte: ‚… der Klimawandel verändert das Verhältnis von Mensch und Natur grundlegend: Bisher war der Mensch damit beschäftigt, die Natur zu beherrschen. Heute aber ist der Mensch in einer Situation, in der er alles daransetzen muss, nicht von der Natur beherrscht zu werden … Wir müssen vom Prinzip Hoffnung zum Prinzip Verantwortung umschwenken. Denn gemäß dem Prinzip Verantwortung können und dürfen wir nur so handeln, dass die nachfolgenden Generationen noch Entscheidungsmöglichkeiten besitzen.‘ Generationsgerecht ist also, wenn die heutigen Generationen den zukünftigen Generationen eine Wahlmöglichkeit lassen, wie sie ihr Leben führen wollen. Das bedeutet vor dem Hintergrund des Klimawandels, dass heute alles Erforderliche unternommen werden muss, um solche Optionen für die nächsten Generationen zu ermöglichen.

Als ich kurz vor Weihnachten Greta Thunbergs Rede auf YouTube sah, haben mich diese Sätze der damals 15-jährigen Schwedin am meisten beeindruckt:

‚Wir können eine Krise nicht lösen, ohne sie wie eine Krise zu behandeln. Wir müssen die fossilen Energien im Boden lassen und uns auf Gerechtigkeit konzentrieren. Wenn die Lösungen innerhalb des Systems unmöglich zu finden sind, müssen wir vielleicht das System selbst ändern.‘

Wie einfach und klar dieser Satz ist, wie dramatisch jedoch die Erkenntnis, dass sich trotz der kritischen Situation unsere Systeme nicht so einfach ändern lassen.

Durch strenge Gesetze und Vorgaben der Politik ändern Unternehmen ihre Prozesse und Leistungen

… oder in einer globalisierten Welt ihren Unternehmenssitz.
Politiker fürchten sich vor der Wirkung der zu erlassenden Gesetze, wenn sie zur Abwanderung von Unternehmen führen, dem einhergehenden Verlust von Arbeitsplätzen und Steuereinnahmen. Viele Wähler der Politiker sind auch Arbeitnehmer oder Konsumenten, die den Arbeitsplatzverlust oder höhere Preise für die Lebenshaltungskosten fürchten.

Morgen ist wieder Freitag.

‚Fridays for Future‘ ist der Name einer weltweiten Initiative von Kindern und Jugendlichen. Eine junge Generation, die für den Klimaschutz in den Schulstreik geht. Auch in Potsdam.

Bezüglich der Frage, ob es wegen der Schulpflicht nicht sinnvoller wäre, am Wochenende zu streiken, hat Rezo in seinem YouTube-Clip eine ganz klare Aussage getroffen: Dann wäre es ja kein Streik mehr!

Wer Rezo nicht kennt, kennt vielleicht einige der 16.000 Wissenschaftler, die sich mit der Initiative ‚Scientists for Future‘ hinter die Jugendbewegung gestellt haben, darunter die Fernsehmoderatoren Ranga Yogeshwar, Eckart von Hirschhausen, aber auch Hans-Joachim Schellnhuber und Ernst Ulrich von Weizsäcker.

Der bekannte Wissenschaftsmoderator, aus der ZDF-Serie ‚Terra X‘, Prof. Dr. Harald Lesch, sagte in der Sendung von Anne Will am 31.3.2019 zur Diskussion um die Schulpflicht: ‚Meine Position dazu ist, dass eigentlich noch viel mehr Schüler freitags die Schule schwänzen müssten; dass die Demonstrationen noch viel intensiver werden müssen, denn die Reaktionen dass wir uns über so eine Formalität wie Schulpflicht unterhalten, zeigt eindeutig, dass die Gesellschaft noch gar nicht richtig … [verstanden hat, worum es geht]. Im Vergleich zu der Bedrohung, die die Klimakatastrophe darstellt, halte ich die Schulpflicht für unerheblich. Wenn wir in Europa zwei oder drei Stürme von der Sorte Irma oder Harvey gehabt haben, redet man in Deutschland überhaupt nicht mehr von Schulpflicht, weil keine Schulen mehr da sind. Weil wir Stürme hätten, die vier oder fünf Tage lang Zentraleuropa einfach wegrasiert hätten so wie die Amerikaner oder wie viele andere es in der Welt schon erlebt haben.‘

Wir wissen seit 1972, worum es geht. Die Wissenschaft hat die Aufgabe der Gesellschaft mitzuteilen, welche Risiken es gibt. Wir machen seit 40 Jahren nichts anderes als ständig und immer und immer und immer wieder zu sagen: Das Risiko ist da. Es wird schlimmer. Es wird schlimmer. Es wird noch schlimmer.

Die Politik reagiert mit, ich würde fast sagen, Business-as-Usual-Argumenten und jetzt sind wir in einem Zustand: Die Bundesrepublik wurde am 23. Mai 70 Jahre alt und unsere jungen Leute müssen auf die Straße gehen, um für ihre Zukunft zu demonstrieren.“

Morgen ist wieder Freitag …

… und ich möchte mich der Anerkennung und Wertschätzung der Ehrenamtspreis-Jury anschließen, und diesem hinzufügen:

An die Aktiven von Fridays for Future:
Geben Sie der Jugend eine Stimme – seien Sie dabei laut und nicht zu überhören – seien Sie auch in der Lage zuzuhören.

Fordern Sie die Verantwortung der Entscheidungsträger aus Politik und Wirtschaft für konsequenten Klimaschutz ein. Haben Sie auch einen Blick auf das verantwortliche Handeln der Menschen in Ihrem Umfeld.

Verleihen Sie Ihren Forderungen den nötigen Nachdruck – lernen Sie auch in der anderen Zeit so viel wie möglich, insbesondere im naturwissenschaftlichen und technischen Bereich, um Systeme zu verstehen, gut zu argumentieren und möglichst bald als die nachfolgende Generation der Verantwortlichen an der Entwicklung von Lösungen mitzuarbeiten, oder noch besser: unsere begonnenen Maßnahmen weiterzuentwickeln.

Bleiben Sie unabhängig und konsequent – suchen Sie den Dialog und Kooperationen, um Ihre Ziele zu erreichen.

Um der Fridays-for-Future-Kernforderung nachzukommen – ‚Handelt endlich – damit wir eine Zukunft haben‘ – möchte auch ich, als einer der verantwortlichen Entscheidungsträger der kommunalen Unternehmensverbünde ProPotsdam und der Stadtwerke mit Ihnen das Gespräch suchen, vor allem Ihnen zuhören, mit Ihnen diskutieren und zusammen mit dem Oberbürgermeister, der Stadtverwaltung, den Stadtverordneten, und meinen Kolleginnen und Kollegen, von denen auch viele Mütter, Väter, Großeltern, Onkel oder Tanten sind, die klimapolitischen Ziele der Landeshauptstadt konsequent weiterverfolgen.“